Skip to content Skip to left sidebar Skip to footer

Vor 100 Jahren wurden die ersten Häuser der Siedlung „Sonnenhöhe“ bezugsfertig

Auf die Fotos tippen/klicken, um sie in einer vergrößerten Darstellung mit Beschreibung zu öffnen.

Der Siedlungsteil der Damaschkesiedlung liegt nördlich der Bahnlinie nach Halle und wird fälschlicherweise vielfach schon Lindenthal zugeordnet. Die „Sonnenhöhe“ hat drei Straßenzugänge und einen Treppenzugang:

– von der Damaschkestr. (früher Feldstr.) zum Rotkehlchenweg (einst Nachtigallenweg),

– von der Tannenwaldstr. und von der Triftsiedlung zum Goldammerweg (früher Drosselweg)

– und letztlich einen Treppenzugang mit 34 Stufen von der Pater-Gordian- Str. (früher Bahnhofstr. bzw. Lützschenaer Str.) aus weiter durch einen Gang zum Finkensteig.

Die Siedlung wurde in sechs Bauabschnitten gebaut. Der erste Bauabschnitt umfasste 31 Häuser. 53% der Bauherren waren Arbeiter und Reichsbahnangestellte. Die Baukosten lagen je nach Größe, Ausstattung und Haustyp zwischen 17.000 und 25.000 Reichsmark. Für Grund und Boden wurde bis zum evtl. späteren Kauf Pacht bezahlt.

Eines der ersten fertiggestellten Häuser war Finkensteig 13, gebaut als Doppelhaushälfte im Landhausstiel, und wurde am 6. Mai 1926 bezogen. Es gehörte dem Siedlungsmitbegründer und Lokführer Adolf Rummel. Die Siedlung selbst wurde 1924 gegründet und mit einer Ausstellung vieler historischer Fotos und Dokumente sowie einer Original-Siedlerfahne 2024 gewürdigt.

Für die Grundstücke galt eine Erbbaupacht von 70 Jahren bis 1994. Das 1936 gemachte Angebot, die Erbauverträge durch Kauf der Grundstücke zu beenden, wurde von der Mehrzahl der Siedler wahrgenommen.

In die ersten Häuser durfte keine Wasserspülung auf den Toiletten eingebaut werden. Vorgesehen waren Klärgruben, die den notwendigen Dünger für den zur Selbstversorgung gedachten Hausgarten liefern sollten. Diese Regelung wurde, nachdem die ersten 30 Häuser standen, revidiert und alle konnten Wasserspülung einbauen. Die meisten Klärgruben wurden später verfüllt oder existieren heute noch als Zisterne für Gartenwasser.

In hundert Jahren hat sich die Grundstruktur, abgesehen davon, das in der Siedlung nach der Wende ein Haus dazu gekommen ist, nichts geändert, das äußere Bild jedoch schon. Mehrere Anbauten, die Umgestaltung der Gärten und Außenzäune, die Erneuerung der Fenster und Dächer sind nicht zu übersehen. Geht man aber aufmerksam durch die Siedlung, sind heute noch einige Relikte aus vergangener Zeit zu entdecken. So z.B. den Deckel einer Klärgrube (z.B. Finkensteig 17) oder das Ortslistenschild (noch an neun Häusern) unter der Hausnummer. Es ist ein kleines blaues Schild mit Ortsangabe und einer Nummer, die identisch mit der Registratur im Brandkataster der Sächsischen Landes- Brandversicherungsanstalt ist. Leider haben sehr viele Siedler, bis auf neun, bei der Verschönerung ihrer Häuser dieses Schild nicht wieder angebracht und damit auf ein Stück Identitätsmerkmal verzichtet.

Im ersten Jahrzehnt der Siedlungsgeschichte wurde viel Wert auf Einheitlichkeit gelegt, so u.a. auch auf die Zaungestaltung. Die Felder der Straßenzäune bestanden aus einheitlich farbig gestrichenen rechteckigen Holzleisten, die oben pyramidenförmig endeten. Heute sind der Zaungestaltung keine Grenzen gesetzt und man sieht nur noch wenige Holzlattenzäune, vielmehr solche aus Schmiedeeisen, Stabmatten, Plast oder auch Stein.

Typisch für die Doppelhäuser mit geknicktem Walmdach war die geschwungene Dachführung um je ein Dachfenster (sogenannte Fledermausaugen) auf der Vorder- und Rückseite. Sie wurden meist durch größere kippbare Fenster ersetzt. Die Fenster in den Wohnräumen waren Doppelfenster aus Holz mit einem Steg in der Mitte und das Oberlicht ging nach oben zu klappen. Gegenüber der heutigen Fenstergestaltung war das Fensterputzen dabei etwas aufwendiger, da je Fenster zwölf kleine Scheiben gereinigt werden mussten. An vielen Fenstern, insbesondere den unteren, befanden sich Holzfensterläden (siehe Bild), die in der Nacht, bei Kälte oder starker Sonneneinstrahlung geschlossen wurden. Die Wandhaken zur Befestigung hatten die Form eines Frauenkopfes.

Die Fassaden der Häuser wurden beim Bau mit Kratzputz versehen und hatten das hellgraue Aussehen der verwendeten Bindemittel Kalk und Zement. Ab den 1960er Jahren ging man auch dazu über die Außenwände zu weißen oder gar den auch durch die Kriegseinwirkungen rissig gewordenen Putz zu erneuern. Nach 1990 wurde vielfach Edelputz aufgetragen.

Während die Keller mit Klinkern gebaut wurden verwendete man für den Oberbau sogenannte selbst hergestellte Jurkosteine (Zement, Kalk, Lokomotivschlacke). Sie hatten eine gute Dämmwirkung auch noch dadurch, weil zwischen Innen- und Außenwand Hohlräume gelassen wurden.

Eigens für die Steinherstellung erschloss man auf dem Siedlungsgelände eine Sandgrube nahe des Treppenaufganges. Dabei stieß man auch auf einige Findlinge, die am südlichen Eingang des heutigen Rotkehlenweges abgelegt wurden. Inzwischen liegt der größere in einem nahen Vorgarten und ein sehr großer Stein kam nach dem Bau des Wohnkomplexes Buchfinkenweg an seine alte Stelle.

Ein Spaziergang durch die Siedlung sollte genutzt werden, die aufgeführten Relikte aus vergangener Zeit zu suchen und anzuschauen.

Was es heute nicht mehr gibt (Fluch und Segen): Geschäfte zum Einkauf, Briefkasten, Schaukästen für Siedlungsinformationen, Fahnenstangen und Siedlerfahnen, Siedlerfeste, Freileitungen für Strom- und Telefon, das Kleinpflaster im Gang zur Treppe, Stromanschluss mit 3x220V (jetzt Eurospannung 230/400V), ausgesprochene Obst- und Gemüsegärten zur Selbstversorgung, bis auf wenige Ausnahmen Haustierhaltung für Ernährung.

Text/Bilder: Dr. Uwe Wallberg