Rund um das Faschingstreiben in früheren Zeiten
Wenn der „VIADUKT“, wie geplant, in der 2. Februarwoche erscheint, steuert der Karneval seinem Höhepunkt zu, denn der Rosenmontag fällt in diesem Jahr auf den 16. Februar. Dieser zeitige Termin liegt an dem frühen Osterdatum (5. April). Es ist schon eine seltsame Sache mit diesem Ostertermin, der bereits in der frühen Christenheit für viel Bewegung sorgte. Eine sehr ausführliche Beschreibung dazu findet man bei Wikipedia unter dem Stichwort „Osterdatum“. Man einigte sich im Jahr 325 auf dem Ersten Konzil in Nicäa darauf, dass der Ostersonntag der erste Sonntag nach dem sog. Frühlingsvollmond ist, also dem ersten Vollmond nach Frühlingsbeginn. Zur „Vereinfachung“ wird der Frühlingsanfang auf den 21. März festgelegt. Somit fällt der früheste Ostersonntag auf den 22. März, der spätestmögliche ist der 25.April. Als Kuriosum sei erwähnt, dass die orthodoxen Kirchen wegen des von ihnen genutzten Julianischen Kalenders einen bis zu 5 Wochen davon abweichenden Ostertermin haben.
Im Juni 2015 sprach sich Papst Franziskus für einen festen Ostertermin für alle Kirchen aus und schlug den zweiten Sonntag im April vor. Doch die Geschichte verlief im Sande, es blieb bei der bisherigen Regelung. Vor dem Osterfest liegt die vorösterliche, 40 Tage umfassende Fastenzeit (Karfreitag und Karsamstag einbezogen, ausgenommen sind die Sonntage), sie beginnt mit dem Aschermittwoch. In früheren Zeiten wurde den Besuchern in dem an diesem Tag stattfindenden Gottesdienst nach der Großen Beichte zum Zeichen ihrer Bußfertigkeit Asche aufs Haupt gestreut. Wenn sie aus der Kirche kamen, warteten schon Kinder mit Handfegern und sangen:
„Asche abkehrn, langes Lähm,
musst mir auch `n Dreier gähm.
Ä Dreier is zu wenig,
ich bin ä kleener Keenig.“
Dieser Bittgesang hatte sich bis in neuere Zeiten erhalten, auch ohne Bußgottesdienst und gestreute Asche. Mitbürger und Geschäftsleute hatten sich dann schon mit ein paar Süßigkeiten für die Abkehrer eingedeckt. Am Aschermittwoch endet die am 11.11. des Vorjahres begonnene Faschingszeit mit ihrem närrischen Treiben. Darüber, was sich da in früheren Zeiten hier abspielte, ist wenig überliefert. Nach der Napoleonischen Zeit wurden in Deutschland mehr und mehr Karnevalsumzüge organisiert. So fand in Köln 1823 der erste große Umzug statt. Wie es in Leipzig damals war, ist mir nicht bekannt. Der von mir geschätzte Möckernsche Ortschronist August Müller (geb. 1858) berichtete 1935 in einem Vortrag u. a.:
„Etwas erfreuliches konnte ich auch als 11jähriger mit erleben, die Betheiligung am Festzug des Leipziger Carneval. Es wurden 1869 durch den Dorfanzeiger Jungen nicht unter 10 Jahren gesucht. Selbige hatten sich in der großen FleischerGaße, Leipzig in „Stadt Frankfurt“ zu melden. Mehrere Jungen waren von Möckern dabei. Nachdem wir dort gemessen und gesundheidlich untersucht worden waren, wurden wir mit dem Bescheid entlassen, wer eine Zuschrift erhält, ist Theilnehmer. 3 Jungen waren wir dabei. Der Carneval begann immer am 2. Sonntag im Februar und so wurden wir bereits im Januar eininstruirt. Wir hatten uns in den alten „Wiener Saal“, der an der Pfaffendorfer Str. lag, einzufinden zum Exerzieren. Ein Herr Reichenbach war unser Exezier-Meister, wir erhielten dort etwas Warmes zu trinken und Würstchen und Semmel. Dann bekamen wir jeder ein paar neue Klapperhölzer und mußten ein Lied einstudieren. Wir wurden die „Klappergarde“ genannt. Den 1. Vers des Liedes habe ich noch im Gedächtniß. Er lautete:
Eine Garde kommt gezogen, Carneval,
Dieses Jahr zum 3. Mal, Carneval,
:|: In dem Dienste der Klapperia :|:
Ist die kleine Garde da, Carneval!
Der vorhergehende Sonntag war der Narren-Markt auf dem Königsplatz (jetzt Wilhelm-Leuschner-Platz) und Roßplatz, und die Kappenfahrt nach Eutritzsch, sowie die Einholung des Prinzen Carneval! Am Montag Morgen 8 Uhr war die Aufstellung des Festzuges an der Tauchaer (jetzt Rosa-Luxemburg-Str.) und vielen Nebenstraßen. Im alten Schützenhaus, heute Krystall-Pallast, wurden wir erst noch einmal richtig ausgewärmt, denn es war sehr kalt, wir bekamen dort Warmbier u. Würstchen m. Semmel und unsern Lohn, pro Mann, 15 Neugroschen. Wir marschierten hinter einen Almosenwagen, in daß die Bewohner der Straßen, aus den Fenstern das Geld hinein warfen. Was daneben fiel, hoben wir uns auf, aber es mußte schnell gehen, der nächste Festwagen war uns auf den Fersen. Längere Zeit vor dem Festzug hatten wir eine Hose und eine Jacke an einen Schneidermeister abzuliefern, die derselbe mit allerhand bunten Papier benähte. 20 Schneidermeister waren damit beschäftigt. Von 1867 – 1875 wurde der Carneval (mit Ausnahme von 1871) abgehalten. Der Carneval, war nach den Feldzügen von 1866, sowie auch nach 1870-71 wieder einmal etwas erheiterndes, was in die Mißgestimmten Gemüther der Bevölkerung getragen wurde. Und die Armen Leipzigs wurden an diesen Tagen recht reichlich bedacht. Auch Heute fehlt uns eigentlich eine derartige zeitweilige Stimmung!“

Ob es sich bei den erwähnten Klapperhölzern um die allseits bekannten Ratschen oder um etwas wie die jetzt erhältlichen „Clapperwoods“ handelte, kann man dem ansonsten sehr informativen Text leider nicht entnehmen. Soweit also August Müllers Bericht. Anfang der 1950er Jahre stellte man in Leipzig einen Rosenmontags-Umzug auf die Beine, zu dem viel des Volkes lief. Aber in der angespannten Wirtschaftslage war das wohl nicht willkommen, und ein „besorgter Arbeiter“ mahnte in der LVZ, dass man tagsüber unbedingt den Plan erfüllen müsse und erst danach feiern könne. So schlief die Sache wieder ein.
In den Schulen allerdings wurde teils ein Schulfasching gefeiert, teils organisierten die Klassen selbst ihren Fasching. Und in den Kulturhäusern in und um Leipzig gab es aktive Faschingsgruppen, die viel auf die Beine stellten (der Begriff „Verein“ war unüblich).
Text: Ulrike Kohlwagen