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Die Georg-Schumann-Str. 206 nach 1945

Fortsetzung – Teil 1 in der Ausgabe 194.

Der bisher in dem Laden tätige Holzschuhhändler Oskar Leonhardt stellte nun um auf die Produktion verschiedener Holzwaren. Neben Spielzeug und diversen Gebrauchsgegenständen produzierte er vor allem Holzpantinen, die die Hausfrauen regelmäßig für die „Große Wäsche“ in den Waschhäusern dringend benötigten. Beim Herausnehmen der Wäsche aus den gemauerten Kesseln, beim Spülen in den Holzwannen und beim Ausdrücken in der sog. Wringmaschine flossen Ströme von Wasser auf den Steinfußboden. Da halfen nur die „Holzklambastern“ mit ihren geschlossenen Kappen, dass die Füße halbwegs trocken blieben. Es soll aber nicht vergessen werden, dass wegen des damals herrschenden totalen Schuhmangels auch elegantere Varianten gefertigt wurden, sogar welche mit hochgezogenem Absatz, obwohl das Laufen damit nicht ungefährlich war – wurde doch das Leder nur von ein paar Nägeln gehalten. Ob Leonhardt solche modischeren Varianten herstellte, lässt sich nicht mehr feststellen. Im Übrigen feierten in den 1960er Jahren Holzpantoffeln, die nur von einem Lederriemen am Fuß gehalten wurden, kurzzeitig in der Schuhmode eine Wiederkehr.

1982 steht Leonhardt noch im Telefonbuch, doch bald schon stand der Laden leer.

1990 erfolgte eine rasche Sanierung des Gebäudes, und das Erdgeschoss wurde für das Küchenstudio Brockmann, später Ehlert, ausgebaut. 1997 folgte nach Leerstand der großangelegte „An- und Verkauf Knoll“, der bis etwa 2009 bestand. 2014 begann ein neuer Hauseigentümer mit der Vorbereitung einer grundlegenden, denkmalgerechten Sanierung des Hauses. 2015 erhielt Maike Steuer nicht den von ihr gewünschten Vertrag für ein interkulturelles Familiencafé im Erdgeschoss, das sie als einen „Treffpunkt für Leute aller Nationen, die in Leipzig noch niemanden kennen“ (Leipziger Volkszeitung v. 23.04.2015) eröffnen wollte – die Bauarbeiten waren zu diesem Zeitpunkt in vollem Gange. Das Café wurde daraufhin in der Nr. 130 eröffnet.

Ende 2016 war die Sanierung beendet. 2018 eröffnete hier die Wahrener Keramikerin Carola Mocker ihre Galerie „Camolita“ für Keramik, Porzellan, Skulpturen, Fotografie, Malerei, Accessoires und Kurse aller Art. Auffallend waren ihre gern zur Schau gestellten, fantasiereich geschmückten Kugelvasen. Auch boten verschiedentlich Gäste ihre Kreationen an. Allerdings zog sich Carola Mocker zum Jahresende 2019 wieder aus Möckern zurück.

Im Herbst 2020, zeitgleich mit dem Beginn der Corona-Einschränkungen, öffnete eine Filiale der Grillzentrale Leipzig unter den damaligen erschwerten Zugangsbedingungen. Inzwischen wurde die Geschäftsidee erweitert, wie die aufwändige Werbung an den Schaufenstern zeigt.

Zum Abschluss sei noch eine Anmerkung zu der roten Klinkerfassade gestattet. Auf der linken Seite befindet sich ein zwar nur wenig erhabenes, aber auffallend gestaltetes Risalit. Es entsteht der Eindruck, als fehle hier ein entsprechend gestalteter Zwillingsbau, doch diese Zusammenhänge werden uns leider verborgen bleiben. Das Gebäude steht wegen seiner baugeschichtlichen Bedeutung unter Denkmalschutz (Stand 2017).

Ulrike Kohlwagen
Fotos: Karl-Heinz Kohlwagen